Trotz des Anscheins, den sein stolzes mittelalterliches Aussehen vermittelt, ist
Spello nicht unbeeinflusst geblieben von der Renaissance. 1500 leistete es sich den
Luxus, eine der Hauptfiguren der Bewegung zu beherbergen, die sich vorgenommen
hatte, die Maßstäbe für die gegenständliche Malerei in Italien zu erneuern.
Bernardino
di Betto, besser bekannt unter dem Namen ''
Pinturicchio'', wurde 1454
in
Perugia geboren, und hatte praktisch im Nachbarhaus einen
ausgezeichneten Meister,
Pietro Vannucci, genannt
Perugino, unter
dessen Anleitung auch der großartigste Vertreter
Renaissancemalerei erblühte,
Raffael. Der Meister nahm Pinturicchio mit nach
Rom, wo
er mit ihm die
Sixtinische Kapelle ausmalte, wobei er sich besonders bei
den Fresken, die die
''Taufe Christi'' und
''Geschichten von Moses'' darstellen, sehr auf seines Schülers Hilfe verließ. Die Erfahrung war sehr
wertvoll für Pinturicchio und er lernte dabei auch die Werke
Botticellis und
Ghirlandaios kennen und bewundern. Die Präsenz der toskanischen
Meister erregte und bereicherte ihn so, dass er sich sehr bald einen Namen in
der ausgewählten römischen Szene machte, wo er sich zahlreiche Aufträge sichern
konnte, darunter auch den, die
''Wohnung des Borgia-Papstes Alexander VI.'' im
Vatikan auszumalen.
Gleich anschließend folgte der Auftrag,
der ihn nach Spello führte. Um 1500 beauftragte ihn
Troilo Baglioni,
Prior von
Santa Maria Maggiore, die ''schöne Kapelle'', die unter dem
Namen ''
Cappella Bella'' berühmt werden sollte und sich an der linken
Langhauswand von Santa Maria Maggiore befindet, mit Fresken auszumalen. In der
Cappella
Baglioni, wie sie auch genannt wird, kann man Figuren voller Anmut
bewundern, phantasievolle Landschaftshintergründe, einen präzise
funktionierenden Sinn für den Raum und eine perspektivische Anordnung, die
denen in den Werken seines Meisters in nichts nachstehen.
Auf der linken Wand der Kapelle befindet sich
das Fresko
''Mariä Verkündung'', in dem sich die Figuren in einem
idealisierten architektonischen Raum zu bewegen scheinen. Auf der rechten Wand
ist in einem Rahmen das Selbstbildnis des Künstlers zu sehen.
Auf der mittleren Wand befindet sich die als eine der reifsten Ausführungen des
Künstlers geltende
''Geburt Christi'', in der Pinturicchio spätgotische
Motive in das Renaissancegefüge einbaut, wobei die ganze Szene in einer
präzisen und harmonischen perspektivischen Darstellung ausgedrückt ist, während
im Hintergrund Kriegsszenen zu erkennen sind.
Die rechte Wand wird eingenommen von
''Christus unter den Schriftgelehrten'',
ein Fresko, das die traditionellen Renaissancemotive wiederaufnimmt und
zahlreiche Figuren darstellt, die die Szene im Vordergrund bevölkern, sowie ein
raffaelisches, tempelähnliches Gebäude im Hintergrund. Die erste, gut sichtbare
Figur am linken Bildrand ist der schwarz gekleidete, mit eingefallenen Wangen
dargestellte Auftraggeber Troilo Baglioni.
Um den Rundgang in der
Cappella Bella zu vervollständigen, findet noch
die Darstellung der vier Sibyllen in den Zwickeln des Kreuzrippengewölbes
Erwähnung.
In der Cappella Baglioni in Spello stellt Pinturicchio sein ganzes Können zur
Schau, wobei er uns seine persönliche, lebendige und phantasievolle Sicht der
Renaissance enthüllt.
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