Die Ursprünge des Dombaus
Laut Tradition war der Erbau des Doms
die Antwort des damaligen Bischofs von Orvieto, Francesco da Bagnoregio,
auf das wunderliche Ereignis von Bolsena, das die Bevölkerung in eine
große emotionale Betroffenheit versetzt hatte. Ein böhmischer Priester hatte
starke Zweifel an der Transsubstantiation, oder vielmehr an seinem Dogma,
demzufolge während der Eucharistie-Weihe das Brot und der Wein in den Leib und das
Blut Christi verwandelt wird. Er befand sich in der Nähe des Grabes der Heiligen
Christina bei Bolsena. Diese kritische Einstellung war zu jener Zeit sehr
verbreitet und wurde von der ketzerischen Sekte der Patarini in Umlauf
gebracht, die die Eucharistie als Sakrament ablehnten. Während der
Feierlichkeit sah er wie ganz plötzlich Blut aus der Hostie und über das
Korporale und die Liturgie-Linnen rann. Er informierte unverzüglich Papst Urban
IV., der sich in Orvieto befand und der sich das Geschehene selbst ansehen
wollte. Das blutbefleckte Linnen wird nach Orvieto gebracht und dem Volk zur
Anbetung gezeigt. Laut einer überlieferten und mittlerweile anerkannten
Erzählung beschloss der Bischof daraufhin den Bau des Doms, einen Bau von einer
Schönheit, wie er noch nie zuvor für ein Stück Wunder-Leinen gebaut worden war.
Der Dombau
Der Dom steht heute dort, wo zuvor die Katedrale Santa Maria del
Vescovado, die sich bereits im 12. Jahrhundert in einem heruntergekommenen
Zustand befunden hat - ganz im Gegensatz zu der lebendigen Stadt mit ihrem
regen ökonomischen Leben. Der Grundstein wurde von Papst Nikolaus IV. im
Jahre 1290 gelegt.
Das ursprüngliche Projekt geht
höchstwahrscheinlich auf Frà Bevignate, einen umbrischen Künstler,
zurück, der auch die Leitung des Projekts 1295 innehatte. Die Arbeiten dauerten
bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, als die Fassade unter Antonio
Federighi als fertig gestellt erklärt werden konnte. Fertig gestellt,
jedoch nicht vollendet, denn die Arbeiten bezüglich der Dekorationen dauerten
noch bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts.
Der Erbau wird zunächst unter
romanisch-umbrischen Vorzeichen begonnen, während die Weiterführung unter dem
Architekten Lorenzo Maitani aus Siena, in der Zeit zwischen 1310 und
1330, als rein gotisch bezeichnet werden kann.
Die Fassade des Doms
Romanischer und der gotischer Stil treffen auf der großartigen Fassade aufeinander,
die kühn emporsteigt und nur von den der ihr aufgesetzten Krone Einhalt geboten
wird. Die glatte Oberfläche und der farbliche und malerische Eindruck lassen
den Mangel an plastischen Elementen kaum merken. Den vertikalen Linien sind
horizontale entgegengesetzt. Die ganze Fassade dreht sich um das Viereck im
Mittelpunkt, in dem sich eine Rosette befindet, die von einigen Nischen umgeben
ist.
Die gesamte Komposition erscheint als eine elegante Struktur in einem
ebenmäßigen Gleichgewicht aus Räumen und Geometrie. Angefangen bei dem weiten
Rundportal bis zu den gleichseitigen Flügeln findet jedes Einzelteil in der
Gesamtkomposition und Harmonie zu einer eigenen Bedeutung.
Die vielen malerischen Verzierungen und
Mosaike, seine gesamte Gestaltung, machen den Dom von Orvieto zu einer
Sehenswürdigkeit und zu einem wertvollen Triptychon des 14. Jahrhunderts. Sein
Reichtum stellt ein einzigartiges Beispiel in Umbrien dar und sein
Variantenreichtum an Stilen und Lösungsvorschlägen, der sowohl Ausdruck der
vielen Einflüsse und Interessen, als auch einer außergewöhnlichen
phantasievollen Schaffenskraft ist, macht den Dom somit zum Vorzeigeobjekt der
umbrischen Kunst des 14. Jahrhunderts.
Luca Signorelli und die Cappella di San Brizio
Die Cappella di San Brizio, oder auch Cappella Nova genannt,
wurde nachträglich errichtet und befindet sich dort, wo Maitani durch
Bögen und Stützen einen Durchbruch geschaffen hat. 1444 war die Kapelle bereits
fertig gestellt. Nach einigen Verhandlungen mit Perugino, wurde unter
den renommiertesten Künstlern der Zeit Beato Angelico für die malerische
Gestaltung ausgewählt. Doch bereits kurz nach Beginn wurden die Arbeiten
unerwartet für ein halbes Jahrhundert unterbrochen. 1500 wird Luca
Signorelli herbeigerufen, um den Freskenzyklus zu beenden, der auf diese
Weise der Kunstgeschichte eines der berühmtesten Kunstwerke der italienischen Renaissance,
die er auf ganz eigene Art und Weise auslegt, schenkt. Zwischen 1500 und 1502
vollendet Signorelli das erst begonnene Werk von Beato Angelico, indem er
Themen und Ausdruck des Vorgängers nachzeichnet und die Wände mit wunderbaren
Fresken bemalt, die die "Geschichte des Antichrists", "Das letzte
Gericht", "Die Auferstehung der Toten", "Die Verdammten", "Die
Hölle", "Das Paradies" und "Die Seeligen" abbilden. Die
erzählten Geschichten gehen auf die verschiedensten Quellen zurück und sind mit
extremem Vorstellungsvermögen und Selbstständigkeit interpretiert. Das
menschliche Wesen ist oft nackt und in seiner ganzen Dramatik und Intensität,
in einer bislang nie ausgedrückten Spannung, dargestellt. Die großartigen
Fresken werden so zu Bühnengestaltung des Menschlichen. Dank einer punktgenauen
dramatischen Darstellung der körperlichen Bewegung und einer virtuosen
anatomischen Ausdruckskraft scheinen sich die Figuren nicht in religiösen oder
moralischen Dimensionen zu verlieren. Einzige Ausnahme stellt "Die
Geschichte des Antichrists" dar, die die detailgetreue Nachbildung eines
historischen Ereignisses ist: Die Predigt des Savonarola, der zu jener
Zeit als Ketzer gebranntmarkt war. Der Szene wohnen zwei dunkel gekleidete
Figuren bei, die Beato Angelico und Signorelli selbst darstellen.
Die Freske "Die Verdammten" verzichtet ganz
und gar auf eine Hintergrundgestaltung. Das dominierende Element ist hier der
nackte Körper, der sich in einem wilden Gefühlsdurcheinander befindet und in
dem die Techniken der Malerei und Bildhauerei des 15. Jahrhunderts eingefangen
ist. Das ästhetische Konzept deutet bereits auf den Klassizismus hin. Es wird
großen Wert auf jedes anatomische Kleinstdetail gelegt, was man an den
athletischen Männerkörpern und an den runden Formen der Frauen bestens ablesen
kann.
La Cappella del Corporale
Wenn man aus der Cappella di San Brizio heraustritt, befindet man sich
vor einer anderen Kapelle, in der die antike Reliquie des Heiligen Linnens
aufbewahrt ist, der mir Blut befleckt ist und Hauptdarsteller des Wunders
von Bolsena ist. Der Stoff ist in einem Reliquienschrein aufbewahrt, einer
wundervollen Goldschmiedearbeit in Form des Doms. Er wurde von dem Bischof Beltramo
Monaldeschi im Jahr 1337 bei Ugolino di Vieri in Auftrag gegeben und
ist aus Gold, Silber und bemalter Emaille gearbeitet.
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