Höchstwahrscheinlich gibt es auf der Welt
keine einzige andere Veranstaltung, die die gesamte Bevölkerung auf so
umfassende Weise einbezieht. Der Wettstreit stiftet in höchstem Maße Identität
und Zugehörigkeit zur Bevölkerungsgruppe. Unter Anthropologen, Soziologen und
Gelehrten der populären Bräuche wurde sich immer die Frage nach diesem
Haupträtsel gestellt, um die Gründe für dieses einzigartige Fest
herauszufinden. Seine Ursprünge sind sehr alt und gehen auf die Feierlichkeiten zu Ehren des Bischofs Ubaldo zurück, auch wenn der Corsa die Ceri jedes Jahr am 15. Mai stattfindet, dem Todestag des Schutzheiligen. Neben den religiösen Bestandteilen der Veranstaltung gibt es auch Eigenschaften des frühen Mittelalters, die zum Teil auf heidnische Frühjahrs-Mythen, auf die Befruchtung und auf den Kult der dea Cerere zurückgehen. Die Ceri ähneln nicht großen Kerzen, sondern sind mit ihrer Höhe von sieben Metern in achteckiger Prismaform, Konstruktionen aus Holz, die an Phallussymbole erinnern. Auf dem Gipfel der drei Ceri werden zum Wettstreit die Statuen der drei Heiligen Sankt Ubaoldo, Beschützer und Schirmherr der Maurer, Sankt Georg, Beschützer der Kaufleute, und Sankt Antonius, Beschützer der Bauern und Studenten, angebracht.
Was passiert am 15. Mai?
Früh am Morgen begeben sich die Capitani und die Capodieci mit
den Ceraioli in die Kirche Chiesa di San Francesco della Pace,
wo die Messe abgehalten wird und wo die Statuen der drei Heiligen untergebracht
sind, die auf die Spitzen der Ceri angebracht werden, nachdem sie einen Lauf
bis zum Palazzo die Consoli gemacht haben. Um 12.00 Uhr, nach dem
Glockenschlag werden inmitten der Menschenmassen die Ceri aufgerichtet (alzata),
was nach strengen Regeln abläuft. Währenddessen werden drei Wasserkrüge
zerschlagen, deren Scherben inmitten der Massen bleiben und als Zeichen des
guten Gelingens gelten. Nach dieser Phase müssen die Ceri verschiedene so
genannte Birate (Runden) und Läufe hinter sich bringen bis sie in
horizontaler Stellung in die Via Savelli della Porta gebracht werden. Um
18.00 Uhr beginnt der richtige Wettlauf, nachdem die, von den Massen
begleiteten, Ceri erneut aufgerichtet und vom Bischof gesegnet werden. Die Ceri
sind nun bereit, so schnell wie möglich getragen zu werden. Es wird auf die Piazza
della Signoria zurückgekehrt, und nachdem der Bürgermeister ein bestimmtes
Signal abgegeben hat, vollziehen die Ceri drei Birate um den Platz. Dann geht
der Lauf weiter durch viele enge Gassen in Richtung Basilica di Sant'Ubaldo.
Eine der Eigenarten des Laufs ist, dass es sich nicht wirklich um ein
Wettrennen handelt, denn während des Laufs ist es unmöglich, dass ein Cero den
anderen überholt. Einerseits sind die zu durchlaufenden Gassen zu eng,
andererseits, ist ein Überholen in der Tradition nicht vorgesehen. Die
Rangfolge der Ankünfte ist immer dieselbe und unveränderlich: als erster kommt
Sankt Ubaldo an, dann Sankt Georg und dann Sankt Antonius. Die Kunst des Laufs
besteht darin, sich währenddessen so gut wie möglich zu schlagen, sei es in der
Durchführung der schnellen und präzisen Wechsel der verschiedenen Ceri-Träger,
sei es im Abhängen des folgenden Cero, und, wenn es möglich ist, im Schließen
des Tors der Basilica di Sant'Ubaldo, um die Ankunft der anderen zu verzögern.
Kurzes Glossar der Corsa dei Ceri
ALZATA -Aufstellung der Ceri aus der horizontalen in die vertikale Stellung, um
dann mit der Bahre transportiert werden zu können.
BARELLA -Aufsatz aus Holz, der rund um den Fuß des Ceros angebracht ist, in dessen
Inneren zwei Streben befestigt sind, die das Tragen durch die Ceraioli
ermöglichen.
BIRATA - Runde, kreisenden Bewegung, die der Cero, getragen von den Ceraioli,
absolvieren muss.
BROCCA - klassischer Krug, der von den Capodieci im Moment der Alzata geschwungen
und in die Masse geworfen wird. Die Massen sammeln die Scherben als
wertvolles Erinnerungsstück oder Glücksbringer auf.
CAPITANO - Schlüsselfigur des Laufs. Sie werden je nach Art alle zwei Jahre unter
den Mitgliedern der Università dei Muratori (Maurer) oder Scalpellini (Steimetze) ausgewählt. Es gibt zwei und sie haben für die Feierlichkeit
enorme Wichtigkeit. Der Capitano Primo ist für den Lauf innerhalb
der Stadt verantwortlich, der Capitano Secondo hingegen für die
Alzata am Morgen und den Lauf auf dem Berg Monte Ingino.
CAPODIECI - es gibt drei und jeder ist für den eigenen Cero, die Ablösungen und den
gesamten Lauf verantwortlich. Sie werden auf Grund ihrer moralischen,
physischen und menschlichen Qualitäten von der Basis der Ceri gewählt. Sie
leiten die Mannschaften von jeweils zehn Ceraioli, die den Cero tragen
werden, und sitzen allen Feiern und Veranstaltung des Laufs vor.
CERAIOLO - sind diejenigen, die den Cero mittels der Streben auf der Barella
tragen. Jeder Bürger, der in Gubbio geboren ist oder der sich
irgendwie verdient gemacht hat, kann Ceraiolo werden. Bei der Auswahl der
Ceraioli wird großer Wert auf die Verbundenheit zum Cero und auf die
familiäre Tradition gelegt.
CERO - Der Cero ist eine Konstruktion aus Holz, die aus zwei achteckigen
übereinander gestellten Prismen besteht. Er ist auf einer Bahre befestigt,
die den Transport ermöglicht. Auf der Spitze werden die entsprechenden
Statuen von Sankt Ubaldo, Sankt Giorgio und Sankt Antonio befestigt.
MUTA - ist der der fliegende Wechsel an einem geeigneten Ort der zwischen den
Ceraioli, die ihn tragen und denjenigen, die der Straße entlang warten
vorgenommen wird. Der Wechsel ist ein sensibler Vorgang, der höchste
Koordinierung verlangt.
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